Urlaub mit Depression – Im Idyll verloren

Im Juli dieses Jahres habe ich, zusammen mit meiner Freundin, meine Eltern in Schleswig Holstein besucht. Meine Eltern verbringen dort jedes Jahr ihren Urlaub bei Freunden, deren Haus ein alter Hof am Waldrand ist. Ein ganz abgeschiedener Ort, umgeben von Pferdekoppeln. Unmittelbar sind ein paar Teiche angelegt. Ein wunderbarer Ort, um zu entspannen. Eigentlich.

Schönwalde am Bungsberg 2021

Als Kind habe ich an diesem Ort mit den Enkeln der Hausbesitzer gespielt und fantastische Sommer verbracht. Insgesamt blicke ich auf eine sehr schöne Zeit zurück. Deshalb zieht es mich auch als Erwachsener immer wieder dort hin. Freunde wiedersehen, die bekannte Umgebung erkunden. Vielleicht auch in der Hoffnung, wieder an diese schönen Momente anzuknüpfen.

Seit einiger Zeit tut mir Urlaub jedoch nicht mehr gut. Ganz im Gegenteil. Normalerweise verbringe ich den Tag damit, an meinen Projekten zu arbeiten. Mich mit der Fotografie zu beschäftigen, generell produktiv zu sein, was ich auch durch intensive Lerneinheiten definiere. Im Urlaub sollte man eigentlich abschalten. Mal nichts tun. Seine Akkus aufladen und neue Inspiration schöpfen. Doch statt diese Ruhe und Entspannung zu genießen, bin ich frustriert, dass ich nichts schaffe. Zusätzlich holen mich meine düsteren Gedanken und Ängste ein. Ich mache mir Sorgen über meine Arbeit, meine Zukunft, meine Gesundheit, meine Beziehung. Gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich dadurch den Mitreisenden in ihren Vorstellungen an einen Urlaub mit mir nicht gerecht werden kann, denn meine Laune steht, nicht nur mir, sondern auch meinen Liebsten im Weg.

Im Idyll verloren – Kressbronn am Bodensee 2020

Das zieht mich so weit runter, dass ich mich jetzt erst davon erholt habe, obwohl der Urlaub schon über zwei Monate her ist. Vom Urlaub erholen zu müssen. Das klingt so dermaßen nach Schwachsinn. Ich konnte mich danach jedoch nur schwer aufraffen oder mich für meine Arbeit begeistern.

Genau das ist das grundsätzliche Problem einer Depression. Jeder Tag wird zu einem Kampf. Ein Kampf, in dem es darum geht, den Alltag möglichst „normal“ zu bestreiten und vielleicht, mit viel Glück, sogar sein Leben mal wieder für ein paar Minuten genießen zu können. Überhaupt produktiv zu sein fällt mir schwer und wenn ich mal mit einem Projekt begonnen habe, möchte ich dieses unter gar keinen Umständen niederlegen. Ich arbeite manisch, aus Angst, dass ich später nicht wieder damit weiter machen kann, weil ich mir mal wieder nur selbst im Weg stehe. Durch Arbeit kann ich mich von meinen Sorgen und Problemen ablenken und habe das Gefühl Fortschritt zu erzielen. Doch ich kann auch nur arbeiten und kreativ sein, wenn mein Alltagsleben nicht von Ängsten bestimmt ist. Ein regelrechtes Paradebeispiel eines Teufelskreises.

Altenkrempe 2021

Die Depression ist eine lebensgefährliche Krankheit. Meines Erachtens nicht unbedingt in erster Linie, weil einige den Ausweg im Suizid suchen, vielmehr weil die Depression das Lebensgefühl in manchen Phasen auf ein pures Existieren minimiert.

Ich ertappe mich zeitweise dabei, dass ich mich mit diesem Gefühl der Leere und Einsamkeit nicht nur abgefunden habe, sondern ich mich fast schon darin zu Hause fühle. Wenn es mir mal gut geht, dann fühlt sich das irgendwie nicht richtig an. Eine Ausnahme, die ich nicht verdient habe. Als wäre es mein Schicksal, dass mich niemand mag oder ich nichts zustande bekommen kann – was selbstverständlich alles nicht stimmt. Ich habe jedoch das Gefühl, dass das eben so ist oder ich nun einmal so bin, denn die Stimme in meinem Kopf schafft es sehr überzeugend zu sein und eigentlich lasse ich mich nicht schnell von etwas überzeugen…

Kressbronn am Bodensee 2020

Psychische Erkrankungen, sind in unserer Gesellschaft immer noch stark stigmatisiert. Zu wenig wird darüber gesprochen und zu wenig Menschen sind darüber aufgeklärt. Betroffene trauen sich mitunter deshalb nicht darüber zu reden und haben Angst davor, von Angehörigen nicht ernst genommen zu werden. Wie soll man seine Gefühle und unlogischen Gedankengänge jemandem erklären, der selbst keine Vorstellung davon hat?

Wenn ihr euch in dieser Symptomatik wiederfinden solltet, kann ich euch nur dazu raten professionelle Hilfe zu suchen. Außerdem redet mit euren Liebsten darüber. Das gibt euch Halt und Sicherheit. Ihr müsst und könnt das nicht alleine durchstehen. Solltet ihr, im umgekehrten Fall, jemanden in euren Kreisen kennen, von dem ihr glaubt, dass er Depressionen haben könnte, bietet einen Dialog an. Sollte dieser angenommen werden (drängt euch nicht auf), wird euer Ohr, euer Mitgefühl und Verständnis dafür sorgen, dass sich die Person besser fühlt. Nur darüber zu reden kann schon helfen und selbst wenn es nur temporär ist, so ist es das auf jeden Fall wert.

Kersten

Die Fotografien auf dieser Seite sind als einzelne Werke zu verstehen und sind nicht zwingend in Reihenfolge oder Darstellung als meine finale Idee zu betrachten. Auch wenn diese Aufnahmen in Zukunft ein zusammengehöriges Werk bilden können, dient die hier gezeigte Form nur als informelle Vorabpräsentation.

3 Kommentare zu „Urlaub mit Depression – Im Idyll verloren“

  1. Danke für die ehrlichen und offenen Worte Kersten! In meiner Vergangenheit und Gegenwart gab und gibt es auch immer wieder dunkle Passagen. Sie werden gefühlt mit der Zeit und über die Jahre weniger, weil man lernt damit zu leben und auf Vorzeichen rechtzeitig zu reagieren. Ich wünsche Dir, dass Du dich wieder am Urlaub und anderen Dingen erfreuen kannst. Bis dahin viel Kraft!

  2. Lieber Kersten,
    wir haben schon über Depression gesprochen, über Kreativität, über fotografisches Sehen etc. und und und….
    Selbstzweifel und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vermögen müssen sein.
    Ich wünsche mir von dir mal eine Serie die Depression bebildert!
    Geht das überhaupt?
    Sind die Bilder die du in dem Artikel zeigst nicht so was ähnliches?
    Ich fürchte nein. Sie sind wie fast immer gut gesehene und gestaltete Fotos die etwas weiter und tiefer gehen.
    Keine Depressionfotos.
    Ich würde mich auch gerne dem Thema stellen, und überlege wie ich das wohl anstellen würde.
    liebe Grüße
    robert

  3. Ein Freund aus der Schulzeit

    Toller Artikel. Ich finde, die gesellschaftlichen Stigmata erfordern meistens immer noch eine Menge Mut, über das Thema in der Öffentlichkeit zu sprechen – egal auf welcher Seite man hier steht. Bin dankbar, dass dus tust und denke nachempfinden zu können.

    Meiner Erfahrung handelt sich bei Depressionen nicht um dunkle Passagen, die mit der Zeit weniger werden, wie mein Vorredner es beschriebt. Es ließ sich vielleicht an das Gefühl der Leere gewöhnen, wie du auch berichtest, aber dieser Zustand sollte ja nicht das Ziel sein.
    Häufig kommt mit der Zeit einiges zusammen an Ablenkung durch gefühlsbeeinflussende Verhaltensweisen. Was aus dem Teufelskreis auch mal eine Abwärtsspirale machen kann. Egal ob die Wahl dann auf Arbeit, Substanzen oder alles, was dafür gerade her hält, fällt. Für mich mir war es das Letztere und irgendwann dann soweit, dass eine Flasche Schnaps am Tag Teil dieser Ablenkungen war und auch die so häufig präsenter Suizidgedanken in die Tat umgesetzt werden sollten. Ich denke, jeder, der sich in solch einer Lebenssituation wiederfindet und sie ändern möchte, hat die Stärke, sie auch zu ändern. Und manchmal bedeutet Stärke nach Hilfe zu suchen und sie anzunehmen.

    Killer Artikel und generell tolle Arbeit. Die Macht ist stark in dir 💪

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